Musikpädagogik für Senioren?

»Der Zugang zu musikalischer Bildung ist ein grundsätzliches Recht für alle Kinder und Jugendlichen und daher durch gesetzliche Grundlagen für die Förderung der öffentlichen gemeinnützigen Musikschulen zu verankern.«
(aus der Resolution der Bundesversammlung des VdM, Erfurt, 8. Mai 2004)

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Ist also Musikpädagogik nur etwas für Kinder und Jugendliche?

Als »Pädagogik« gilt gemeinhin die erzieherische Verantwortung der Gesellschaft für Kinder und Jugendliche, also für die nachwachsende Generation, für jene, die das Leben noch vor sich haben und die noch »Etwas« werden können. Besonders im Falle der Musik ist diese Denkweise weit verbreitet – denn, ist nicht der Erfolg eines Schülers auch der Erfolg des Lehrers?

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»Damen ab 60, Herren ab 65 …«

Das »Alter« ist wohl der Lebensabschnitt, in dem die individuellen Unterschiede in der geistigen wie körperlichen Verfassung der Menschen wie in keinem anderen zutage treten.

Auch sind in keinem Lebensabschnitt die Unterschiede zwischen kalendarischem und biologischem Alter so groß. Während manche 90jährige noch selbstverständlich und selbständig in ihren eigenen vier Wänden ihr Leben gestalten, sind andere 70jährige schon längst für wesentliche Lebensbereiche auf Hilfe angewiesen.

Spricht man über Musikpädagogik für Senioren, so lassen sich sehr unterschiedliche Zielgruppen finden. Jene älteren Menschen, die ein autonomes, selbstbestimmtes Leben führen können, nur wenig eingeschränkt von körperlichen Defiziten, die also Konzerte besuchen oder auch ein Instrument spielen können.

Es geht aber auch um jene anderen, deren Hilfebedürftigkeit schon im Bereich des täglichen Lebens sehr groß ist, so dass an eigenständige Aktivitäten in dieser Richtung nicht zu denken ist.

Auch der Instrumentalunterricht für Erwachsene ist erst seit etwa Ende der achtziger Jahre als eigenständiges Phänomen in den Focus der Pädagogik getreten. Doch ein ansteigendes Interesse auch älterer Menschen am Instrumentalunterricht, sei es als Wieder-Einsteiger oder auch als Neu-Anfänger ist unübersehbar. An den Musikschulen des VdM waren 1997 0,47% aller Instrumentalschüler über 60 Jahre (das entspricht 4.200 Personen), 2003 dann bereits 0,87% (7.487 Personen). Hier zeichnet sich ein eindeutiger Trend ab, der im Laufe der Zeit – ähnlich dem Interesse an einem Seniorenstudium – sicherlich noch zunehmen wird.

Doch was ist mit jenen älteren und alten Menschen, die eben nicht dem »Idealbild« des rüstigen Endsiebzigers entsprechen, der online seinen Urlaub bucht und Golf oder auch Klavier spielt. Jenen, die nicht mehr alleine wohnen wollen oder können, deren Gesundheit altersbedingt schon stark gelitten hat, die mit einer stark beeinträchtigten Motorik zurecht kommen müssen oder gar an Demenzerkrankungen leiden – was vermag hier Musikpädagogik zu leisten?

Unser Eigenkonzept von uns vermag das ganze Leben zu bestimmen, vieles ereignet sich als self-fulfilling prophecy. Wenn man von Alt-werden das Nachlassen der Erinnerungs- oder Konzentrationsleistung erwartet, dann geschieht das auch, etwa weil man keine neuen Strategien mehr entwickelt oder geringere Anstrengungen dazu unternimmt. Untersuchungen zur geistigen Leistungs- und Lernfähigkeit konnten zeigen, dass nur ein sehr geringer Anteil der Fähigkeiten im Alter nachlässt (z.B. die Geschwindigkeit des Lernens), andere Fähigkeiten im Allgemeinen aber gleich bleiben oder gar noch steigen (z.B. der Wortschatz). Das heißt zunächst, dass die Abnahme von Fähigkeiten viel mehr im wissensfreien, mechanischen Bereich der Intelligenz liegt (also etwa in der Wahrnehmungsgeschwindigkeit) als im wissensbasierten Bereich. Bei ausreichender Hilfestellung blieb die Merk- und Lernfähigkeit bei Personen ohne klinische Demenzdiagnose bis ins höchste Alter erhalten. Bei geeigneten Lerntechniken zeigen sich auch langfristige Lernerfolge, Gehirnzellen können sich neu bilden, ganze Areale können sich regenerieren. Musizieren und Musikhören aktivieren ganz allgemein für Aufmerksamkeit und Wachheit wesentliche Gehirnregionen und verjüngen so unverkennbar den ganzen Menschen.

Wesentlich aber ist ebenso, dass im Alter das allgemeine Lebensgefühl sehr häufig der Aufhellung bedarf: Die Häufigkeit, in der positive Emotionen erlebt werden, nimmt mit dem zunehmenden Alter ab – hier ist also unbedingt notwendig, das Wohlbefinden zu stützen. Bedenkt man nun, dass Musik im Gehirn diejenigen neuronalen Systeme für Belohnung und Emotionen stimuliert, die auf spezifisch biologisch relevante Stimuli wie etwa Nahrung antworten, so wird deutlich, wie tiefverwurzelt Musik als Emotionsstimulans in unserem Körper ist und wie wenig dies eine Sache des Intellektes ist, sondern vielmehr jener archaischer Ebenen, die auch dann noch »funktionieren«, wenn andere Gehirnregionen dies nicht mehr vermögen.

So hat Musik auch bei vielen sehr schweren Erkrankungen eine klinisch nachweisbare, positive Wirkung: Etwa bei der Parkinson-Krankheit, durch die die Bewegungsmöglichkeiten der Patienten eingeschränkt bis ganz zerstört werden, denn durch die fortschreitenden Zerstörung entsprechender Zentren im Gehirn ist eine willentliche Ausführung von Bewegungen nicht mehr realisierbar. Bereits das Hören von Musik kann hier durch rhythmische Stimulierung eine koordinierende Wirkung haben, der körperliche Mitvollzug von Musik noch weit mehr.

Auch Sprache, Sprechvermögen und Sprach-Artikulation können durch Musik angeregt werden: somit können also auch Menschen, die etwa aufgrund eines Schlaganfalles nicht mehr deutlich artikulieren, nicht mehr verständlich zu sprechen vermögen, mit Hilfe musikalisch-rhythmischer Stimulation entscheidende Besserung erfahren.

Bei Alzheimer-Patienten wurde beobachtet, dass Patienten, die auch die Namen der nächsten Angehörigen bereits vergessen hatten, sich unter Umständen noch an vielstrophige Liedtexte aus ihrer Jugendzeit erinnerten. Auch bleibt das Gefühl für Rhythmus meist noch sehr lange erhalten, so daß ein Sich-Bewegen als aktiver Mitvollzug der Musik möglich ist.

Viele positive Auswirkungen der Musik auf den Menschen – also Sekundärbegründungen –, die als Begründungen für die Notwendigkeit eines Musikunterrichtes für Kinder und Jugendliche herangezogen werden lassen sich auch – cum grano salis – auf Menschen jeden Lebensalters – auch also auf alte Menschen anwenden. Dazu gehören der vielfach bewiesene Sachverhalt, dass Musik hören und Musik machen das ganze Gehirn aktiviert und nicht nur eine der beiden Hemisphären, ebenso wie die Tatsache, dass die Auseinandersetzung mit Musik zu einer dichteren neuronalen Vernetzung führt – und das unabhängig vom Alter: »Man kann mit 85 Jahren anfangen ein Musikinstrument zu lernen und dabei stellen wir fest, dass die Gehirnzellen, die bisher schon reduziert waren, wieder völlig regeneriert werden. Das heißt, das Musikmachen ist eine Form von Gehirnjogging. Das macht nicht nur Spaß, sondern dient der Wiederherstellung der Gedächtnisfähigkeit, Kombinationsfähigkeit, Wahrnehmungsfähigkeit.« (Hermann Rauhe).

Musik erlaubt einen Zugang zu den eigenen Gefühlen und Erinnerungen, kanalisiert Aggressionen und schult Erlebnisfähigkeit und Offenheit allem Neuen gegenüber, Musik verbessert die Konzentrationsfähigkeit und ist ein Katalysator für soziale Interaktion.

Allein schon diese Fülle an positiven Auswirkungen einer Auseinandersetzung mit Musik vermag zahlreiche Begründungen zu liefern, weshalb Musik für Menschen jeden Alters einen wesentliche Beitrag für ein erfülltes Leben leistet. In jedem Falle sollte für jedes Lebensalter und für jeden Einzelnen eine geeignete Hilfsstellung zum Musizieren und Musik-Erleben gefunden und realisiert werden – dies ist die Aufgabe der Musikpädagogik.

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Musik für jedes Lebensalter

Die sich verändernde Altersstruktur der Bevölkerung wird auch Veränderungen kultureller Art nach sich ziehen und nach sich ziehen müssen: 2025 werden nicht wie heute 4% der Menschheit 80 Jahre oder älter sein, sondern bereits 12%. Auch der Bereich der Pädagogik wird sich immer mehr der ganzen Lebensspanne des Menschen annehmen wie es zuvor etwa das Forschungsgebiet der Entwicklungspsychologie geleistet hat.

Bereits Herophilos hatte ca. 300 v.Chr. eine Beziehung zwischen dem Pulsschlag und den Versmetren beschrieben, die den vier Lebensaltersbereichen zugeschrieben wurden, Musik war also natürliches Lebensgut für jede Generation und nicht nur »Etwas für Kinder«.

In der Antike wurden die heilenden Kräfte der Musik als selbstverständlich bekannt angesehen, wobei hier der Begriff »heilend« nicht nur als Krankheitsreparatur zu verstehen ist sondern mindestens ebenso gut als Prävention.

Die Tatsache, dass Musik intensivste Glücksgefühle zu bewirken und körpereigene Belohnungssysteme zu stimulieren vermag, legt nahe, dass Musik, wenn sie auch für das Überleben der Art Mensch auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt notwendig ist, so doch einen deutlichen Beitrag zu unserem körperlichen und geistigen Wohlbefinden leistet.

Sie ist sicher nicht nur »Heilmittel«, sondern als »Grundnahrungsmittel« Prävention und zugleich der Glücksfaktor schlechthin.

So wäre letztlich zusammenfassend zu konstatieren, dass die eingangs zitierte Forderung sich nicht auf Kinder und Jugendliche beschränken dürfte, sondern optimalerweise ohne Einschränkung lauten müsste:

»Der Zugang zu musikalischer Bildung ist ein grundsätzliches Recht für alle Menschen, gleich welchen Alters, und daher durch gesetzliche Grundlagen für die Förderung der öffentlichen gemeinnützigen Musikschulen zu verankern.«

Dorothea Hofmann

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Eine kleine Buchauswahl zu diesem Thema:

  • Gerold Baier: Rhythmus. Tanz in Körper und Gehirn, Reinbek bei Hamburg 2001.
  • P.B. Baltes & K.U. Mayer (Hg.): Die Berliner Altersstudie, Berlin 1996.
  • Hans Günther Bastian: Kinder optimal fördern – mit Musik, Mainz u.a. 2001.
  • Dorothea Muthesius (Hg.): »Schade um all die Stimmen …«. Erinnerungen an Musik im Alltagsleben, Wien 2001.
  • Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott, München 2004.
  • Manfred Spitzer: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Stuttgart 2002.