DAS GANZE

(Textfassung der Art-Lecture DAS GANZE – ein Stück
11. Pfingstsymposion München 2000
10. Juni, 20 Uhr, Dany Keller Galerie)

Dorothea Hofmann

Das Werk ist die Partitur, der Interpret ist nur das Werkzeug der Realisation
– oder –
die Partitur ist nur Fragment,
erst der Interpret wandelt sie zur Vollständigkeit, zum Ganzen?

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Die Frage nach dem prinzipiellen musikalischen Wert und der Funktion des Interpreten ist nichts weniger als obsolet, sie hat vielmehr ihre Auswirkungen nicht nur auf die Realisation der Musik, sondern bis weit hinein in die Konzeption von Musik.

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Das Werk ist die Partitur, der Interpret ist nur das Werkzeug

Der lange währende und bis heute virulente Streit zwischen vorgeblich texttreuer und angeblich textfälschender, »anmutender« Interpretation ist ein Erbstück des 19. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Virtuosen, Denkmäler und Genies.
Das Werk ist die Partitur, der Interpret ist nur das Werkzeug – diese Sichtweise verweist auf Wertordnung und Machtgefüge – sie bietet dem Schöpfer der Partitur ein Überdauern über das eigene biologische Vergehen hinaus – und hat für den Interpreten nur die Aufmerksamkeit des Augenblicks, dem auf dem Fuße das Vergessen folgt.
Interpreten sind die offenen Stellen der Partitur, Verursacher einer Indeterminiertheit aller Festschreibung zum Trotze.

Die Partitur aber ist die fixierte Idee, zum Schwarz auf Weiß kondensierter Gedanke, zur Materialität verdichteter und somit fassbar gewordener Klang, verfestigter, kristallisierter Moment des Möglichen.

Die Niederschrift der Musik ist historisch entstanden aus der Nachschrift des Klingenden zur Gedächtnisstütze der Aufführenden – und hat sich zugleich seit ihren Anfängen gewandelt zur Vorschrift für erst nach der Niederschrift Erklingendes.
Darüber hinausgehend verselbständigt sich das Aufschreiben-Können von Musik bis hin zur Gleichsetzung der Partitur mit dem Werk an sich, ja bis hin zu Partituren, die meinen der Aufführung entraten zu können:
Hybris der Schriftlichkeit, der Kontrollierbarkeit, der Machtausübung.

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»Eine eventuell fälschende Ingerenz kann dabei das durch die Ausführung des Werkes ausgedrückte Gefühl des Virtuosen ausüben.«

Roman Ingarden

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Der Interpret ist Unsicherheitsfaktor, er ist Fehlerquelle, Hemmnis, ein der Realität verhafteter Träger körperlicher Unzulänglichkeiten.
Und zudem ist er ein Ärgernis in seiner virtuosen und emotionalen Auffälligkeit – denn das Publikum sieht den Interpreten und wird von seiner Bühnenpräsenz angezogen oder Abgestoßen – selbst noch die »texttreueste« Interpretation ist für das Publikum ein Ausdruck des Ich des Interpreten.
Der Zuschauer resp. Zuhörer findet sich im aktiv handelnden menschlichen Gegenüber Interpret wiedergespiegelt, nicht aber im verborgenen Verfasser der Partitur.

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»Man soll die Finger nicht verachten, sie geben uns viele Anregungen – und im Kontakt mit dem klingenden Instrument erwecken sie Ideen, die im Unterbewussten schlummern …«

Igor Stravinsky

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Der Interpret ist das Werk, Partituren sind nur Papier

Der Gegenpol »der Interpret ist das Werk« bedeutet: die Partitur ist nur ein Vorschlag, ist im besten Falle Fragment – »der Interpret ist das Werk« besagt in Extremo: jede Aufführung ist neu, der musizierende Mensch ist eben nicht mehr Interpret fremder Gedanken, sondern spielt nur noch Eigenes, nur noch sich selbst.
»Der Interpret ist das Werk« heißt: jede Aufführung ist neu; es bedeutet ein Existieren nur im Jetzt der Improvisation – und daraus resultiert zugleich:
eine Aufführbarkeit jenseits des momentanen Klanges, der aktuellen Musiziersituation ist ausgeschlossen.
Es bedeutet Verzicht auf Planbarkeit, Wiederholbarkeit und Speicherung – mit dem Interpreten stirbt auch das Werk.
Doch ebenso wie die Potentialität der Partitur nur ein Teil des Ganzen – der Musik – sein kann, so ist auch das ausschließliche Verharren in der Aktualität ebenfalls nur als Teil der Wahrheit zu verstehen.

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Die Partitur und der Interpret bedürfen einander

Potentialität und Aktualität sind ohne gegenseitige Durchdringung beides letztlich nicht lebensfähige Bruchstücke – erst im Miteinander ergänzen sie sich zum überlebensfähigen Ganzen.
Die in der Potentialität der Partitur liegende Unvollständigkeit zeigt das Werk erst als Fragment – erst der handelnde Vollzug mit seinem klingenden Resultat vermag dieses zu komplettieren.
Das Jetzt der Interpretation hat seinen eigenen Wert, es tritt in Korrespondenz zu dem »Vorher« der Partitur.
Erst in der Aktualität des spielenden, aktiven Vollzugs der Partitur erwacht das Werk zu sich selbst und vermag so, in der notwendigen Komplementarität von Notentext und Interpret zur Ganzheit zu gelangen.

Die Kontroverse Partitur oder Interpret spiegelte das Entweder–Oder cartesianischen Weltverständnisses, doch gerade die Nichtvorhersagbarkeit komplexer Systeme – wie es der Mensch selbst ist – birgt in sich das größte Zukunftspotential, das sich denken lässt.

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»Ich möchte dem Repertoire der kompositorischen Mittel jenen Reichtum beigefügt wissen, der sich durch die Psyche eines menschlichen Wesens anbietet – den Interpreten.«

Witold Lutoslawski

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Nicht die Festschreibung von Kunstwerken durch unverrückbares Kristallisieren ihrer Partituren zur Musealität – sondern erst der Einbezug des atmenden und »spielenden« Interpreten in seiner ganzen Unberechenbarkeit ermöglicht das Überleben als GANZES für eine und in einer sich wandelnden nicht planbaren, aber doch erhofften Zukunft.